erinnert deshalb nicht nur an Tod und Verlust, sondern auch daran, dass Verständigung und Aussöhnung möglich sind. Gegen das Vergessen Der nächste Halt war Haumont. Das Dorf wurde während der Schlacht von Verdun vollständig zerstört und nach dem Krieg zu einem »für Frankreich gefallenen Dorf« erklärt. Heute erinnert die Kapelle Saint-Nicolas an die früheren 131 Einwohner. Ein Wiederaufbau ist wegen Blindgängern, Giftgasresten, Kriegs- material und nicht bestatteten Gefallenen bis heute nicht mög- lich. Die scheinbar ruhige Landschaft ist noch immer von den Folgen des Krieges geprägt. Gerade die Leere des ehemaligen Dorfes hinterließ einen nachhaltigen Eindruck: Die Abwesenheit selbst erzählt die Geschichte und zeigt, dass Krieg nicht nur Menschenleben fordert, sondern auch Heimat, soziale Struktu- ren und jahrhundertelang gewachsene Lebensräume vernichtet. Auch Fleury-devant-Douaumont gehört zu den Dörfern, die während der Kämpfe vollständig zerstört und anschließend nicht wiederaufgebaut wurden. Hinweisschilder markieren heute die früheren Standorte von Wohnhäusern, Geschäften, Werkstätten und öffentlichen Gebäuden und lassen erahnen, dass sich dort vor dem Krieg ein geselliges Dorfleben abgespielt hat. Sowohl Fleury als auch Haumont besitzt weiterhin den rechtli- chen Status einer Gemeinde, obwohl dort niemand mehr dauer- haft lebt. Auf diese Weise wird verhindert, dass der Ort aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwindet. Um die Orte weiterhin im öffentlichen Bewusstsein zu halten, besitzen Fleury und Hau- mont weiterhin den Status einer Gemeinde, obwohl dort nie- mand mehr dauerhaft lebt. Auswirkungen bis heute Am dritten Tag stand die Anhöhe von Vauquois auf dem Pro- gramm. Dort lagen sich deutsche und französische Soldaten in unmittelbarer Nähe gegenüber. Da an der Oberfläche kaum Geländegewinne möglich waren, verlagerten beide Seiten den Kampf unter die Erde. Sie legten rund 17 Kilometer Stollen und Tunnel an, um Sprengladungen unter den gegnerischen Stel- lungen zu platzieren. Große Krater prägen das Gelände bis heute und haben die ursprüngliche Form des Hügels dauerhaft verändert. Sie zeigen, welche Kräfte bei den Sprengungen frei- gesetzt wurden und wie stark der Krieg auch die Landschaft veränderte. Zugleich vermitteln die engen, dunklen Stollen einen Eindruck von der psychischen Belastung der Soldaten, die unter schlimmen hygienischen Bedingungen ausharren und jederzeit mit einer unterirdischen Explosion rechnen mussten. Ein weiterer Erinnerungsort war die Tranchée des Baïonnettes, der sogenannte Bajonettgraben. Der Ort ist mit der Überliefe- rung verbunden, dass französische Soldaten bei einem Artille- rieangriff in ihrem Graben verschüttet worden seien und an- schließend nur noch die Bajonette ihrer Gewehre aus der Erde geragt hätten. Ob sich das Geschehen tatsächlich genau in dieser Form ereignet hat, wird historisch unterschiedlich be- wertet. Unabhängig davon entwickelte sich der Bajonettgraben zu einem bedeutenden Symbol für die gefallenen und vermiss- ten französischen Soldaten. Den Abschluss des Tages bildete das UNESCO-Welterbe Fort Douaumont, die größte Festungsanlage im Verteidigungssystem von Verdun. Das Fort spielte während der Schlacht eine zent- rale militärische und symbolische Rolle. Dunkle und feuchte Gänge, massive Mauern, enge Räume und schlichte Schlaf- plätze vermitteln einen Eindruck vom Alltag der Soldaten. Das Fort bot zwar Schutz vor Teilen des Artilleriebeschusses, war jedoch keineswegs ein sicherer oder angenehmer Aufenthalts- ort. Beklemmende Enge, schlechte Luft und die gleichzeitige Unterbringung von Verwundeten, Toten, Munition und Versor- gungsgütern machten das Leben dort äußerst belastend. Gemeinsam erinnern Ein besonders bewegender Abschluss der Fahrt war der Besuch des Beinhauses von Douaumont am letzten Tag. In dem monu- mentalen Bauwerk werden die sterblichen Überreste von mehr als 130.000 nicht identifizierten deutschen und französischen Soldaten aufbewahrt. Vor dem Beinhaus erstreckt sich ein 144.380 Quadratmeter großer französischer Soldatenfriedhof mit 16.142 Grabstätten. Die Vielzahl der Gräber und die im Bein- haus aufbewahrten Gebeine machen das Ausmaß der Verluste sichtbar, ohne dass es sich vollständig erfassen lässt. Jeder Name und jedes Grab stehen für einen Menschen, dessen Le- ben durch den Krieg beendet wurde. Besonders hervorzuheben ist die Tatsache, dass die sterblichen Überreste ehemaliger Gegner dort gemeinsam ruhen; Nationalität, Rang und militäri- sche Zugehörigkeit spielen keine Rolle mehr. Das Beinhaus steht deshalb nicht nur für Trauer und Verlust, sondern auch für eine gemeinsame Form des Erinnerns. Verdun hat sich im Lau- fe der Jahrzehnte von einem Symbol der Feindschaft zu einem Ort der deutsch-französischen Verständigung entwickelt. Nach vier Tagen trat die Gruppe die Rückreise an. Die besuch- ten Museen, Friedhöfe, Festungsanlagen, Schlachtfelder und zerstörten Dörfer eröffneten unterschiedliche Zugänge zur Ge- schichte und vermittelten ein eindrucksvolles Bild von Verdun und den bis heute sichtbaren Folgen des Krieges. Die Fahrt unterstrich erneut den Wert außerschulischer Bil- dungsarbeit. Wer durch die Gänge des Fort Douaumont geht, vor den Gräbern von Consenvoye steht, die Leere eines zer- störten Dorfes erlebt oder die aufgestapelten Gebeine nicht identifizierter Soldaten sieht, erhält einen unmittelbaren Zugang zur Geschichte. Für die DLRG-Jugend Westfalen ist die Aus- einandersetzung mit Geschichte und Erinnerungskultur ein wichtiger Bestandteil der Jugendbildungsarbeit. Die Fahrten nehmen unterschiedliche Kapitel der europäischen Geschichte in den Blick. Sie machen deutlich, dass Frieden, Demokratie und internationale Verständigung keine Selbstverständlichkeiten sind. Gerade in einer Zeit, die erneut von Kriegen, politischen Spannungen und gesellschaftlicher Unsicherheit geprägt ist, kann und muss das Bewusstsein dafür, welches Leid und welche langfristigen Folgen Krieg verursacht, ein Maßstab für verant- wortungsvolles Handeln in der Gegenwart sein. Dennis Nehring < Weitere Informationen zur Fahrt nach Verdun sowie zu den weiteren Ge- denkstättenfahrten nach Auschwitz und in die Normandie findet ihr auf der Homepage der DLRG-Jugend Westfalen. westfalen IX